Erziehung

Hausaufgaben: Vom Aufschieben zum Anpacken

Hausaufgaben
Sabine Hense-Ferch
am Montag, 14.10.2019 - 11:44

Wenn die Aufschieberei ein Dauerthema ist, sollten Eltern helfend eingreifen und ihre Kinder bei der Zeiteinteilung unterstützen.

Ungeliebte Hausaufgaben vor sich her zu schieben, das tut wohl jeder einmal. Doch
Morgen, morgen, nur nicht heute...“, dieser alte Spruch könnte das Lebensmotto vieler Kinder sein, egal, ob es um das Thema Hausaufgaben, ums Zimmeraufräumen oder um die tägliche Übungsstunde auf dem Musikinstrument geht. Damit sind sie nicht allein. Erwachsene kennen nur zu gut die Gewissensbisse, die mit dem Aufschieben verbunden sind. Deshalb liegt ihnen viel daran, das leidige Thema anzupacken, ehe dieses Verhalten sich zum Muster entwickelt, das sich nur schwer wieder ändern lässt.

Wenn ein Kind ungeliebte Arbeiten gerne aufschiebt, ist nicht immer gleich Sorge angebracht. Jeder könnte Tätigkeiten aufzählen, die er stets erst erledigt, wenn Druck von außen ihn dazu zwingt, sei es nun das Abgeben der Steuer­erklärung oder die Erledigung lästiger Hausarbeiten. Nicht weiter schlimm, solange wir rechtzeitig und ohne allzu großen Leidensdruck irgendwann doch noch die Kurve kriegen.

Dann muss sich so mancher eingestehen, dass die aufgeschobenen Aufgaben in Wirklichkeit meist viel weniger schlimm sind als in der eigenen Vorstellung. Manchmal eröffnen sie sogar ganz neue Perspektiven oder machen Mut zu Neuem, etwa durch das Erfolgserlebnis des „Ich hab’s geschafft!“.

Aufschieben erzeugt Schuldgefühle

Mittel- und langfristig hat das Aufschieben fast immer negative Effekte auf die Psyche. Denn wer etwas wissentlich zu spät erledigt, läuft meist mit Schuldgefühlen herum und ist deshalb angespannt und unkonzentriert. Oft leidet auch das Selbstwertgefühl: Man wirft sich vor, ein willensschwacher Mensch zu sein. Dazu kommt die unweigerliche Kritik von außen, falls wir einen Termin dann tatsächlich versäumt haben. Keine gute Voraussetzung, um die nächste wichtige Arbeit mit Elan anzugehen.

Handeln ist angesagt, wenn die Aufschieberei den Alltag ins Trudeln bringt. Wenn Wichtiges nicht mehr in letzter Minute, sondern gar nicht mehr erledigt wird oder wenn die Qualität der Arbeit unter dem knappen Zeitmanagement leidet. Und wenn wir uns selbst schlecht und schuldig fühlen – so wie ein Kind, das über die „vergessenen“ Hausaufgaben mindestens ebenso unglücklich ist wie seine Mutter.

Sich selbst zu organisieren, will gelernt sein.

Auch Erwachsene lernen da noch jeden Tag dazu. Wie geht es erst Kindern damit? Oft schieben jüngere Kinder ungeliebte Aufgaben nur deshalb auf, weil sie noch nicht in der Lage sind, ihren eigenen Alltag sinnvoll zu organisieren. Nur wenn ein gewisser Überblick über den Tagesablauf und die Zeiteinteilung vorhanden ist, lässt sich absehen, dass für das Aufräumen abends nach der Brotzeit keine Zeit mehr bleibt oder dass sie dann zu müde sind, um noch Vokabeln zu lernen.

Viele Grundschulen steuern hier schon in die richtige Richtung. Mit Wochen-Arbeitsplänen, in denen Schul- und Hausaufgaben für die ganze Woche gestellt werden, lernen bereits Erstklässler sich über mehrere Tage zu organisieren. Wann sie was erledigen, dürfen sie selbst entscheiden und organisieren. So lernen sie schon früh, wie man sich Arbeit sinnvoll einteilt, und was dabei alles schief gehen kann.

Doch auch Eltern können und sollten das Tun ihrer Sprösslinge aufmerksam begleiten und mit kleinen Hilfestellungen Struktur in die täglichen Aufgaben bringen. Oft erscheinen Hausaufgaben oder andere Hausarbeiten nur deshalb so schwer zu bewältigen, weil sie wie ein großer Berg vor uns liegen. Sobald die Aufgabe in kleine Teilschritte zerlegt ist, fällt das Anfangen schon deutlich leichter.

Beim Zeitmanagement unterstützen

Auch beim Zeitmanagement ist die Unterstützung der Eltern gefragt. Denn Kinder haben in den ersten Schuljahren naturgemäß noch keine Vorstellung davon, wie lange sie für bestimmte Tätigkeiten brauchen werden. Es ist deshalb keine übertriebene Einmischung, wenn Eltern Kindern eine Zeit lang beim Organisieren des Tagesablaufs zur Seite stehen, häufiger mal nachfragen, wie die Erledigung von Aufgaben vorangeht, und die eine oder andere Erinnerung aussprechen. Aber damit allein ist die leidige „Aufschieberitis“ noch nicht passé.

Psychologen raten, dass Eltern und Kinder einmal gemeinsam überlegen, was durch rechtzeitiges Erledigen gewonnen werden kann. Oft leiden Kinder nämlich genauso wie ihre entnervten Eltern unter der Aufschieberei. Sich klarzumachen, dass mit dem In-Angriff-Nehmen der lästigen Hausaufgaben dann der restliche Nachmittag oder das angebrochene Wochenende zur freien Verfügung stehen, kann durchaus motivieren.

Am besten ist es, das Kind selbst Gründe finden zu lassen, die für das Loslegen sprechen und gegen das Aufschieben, sonst funktioniert die Übung nicht. Tatsächlich kennen die meisten Kinder auch überraschend viele Gründe, warum das Lernen gerade jetzt sinnvoll ist: Weil sich dadurch Ärger in der Schule vermeiden lässt, weil der Unterricht mehr Spaß macht, wenn man gut vorbereitet teilnimmt, oder weil die Freizeit anschließend deutlich entspannter ist.