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Familienbetrieb

Gespräche sind Gold wert

Bueroarbeiten-Partnerschaft-Landwirtschaft
Sophia Gottschaller
Sophia Gottschaller
am Dienstag, 25.10.2022 - 11:00

Wächst der Betrieb, hat das Auswirkungen auf die Partnerschaft, die Familie und auch für den Landwirt selbst. Deshalb ist es wichtig, solche Veränderungen vorab mit der Partnerin zu besprechen und sich auch selbst zu reflektieren.

Wenn ein landwirtschaftlicher Betrieb wächst, stehen häufig die Anliegen des Betriebes im Vordergrund und die Bedürfnisse der Menschen werden zurückgestellt. Man fragt nicht, welche Konsequenz das Wachstum für die Familie oder für den Landwirt selbst hat. Das kann zu großen Problemen führen, meint Fritz Kroder von der Landwirtschaftlichen Familienberatung.

Genügend Zeit für die Partnerschaft einplanen

„Viele Betriebsleiter fällen betriebliche Entscheidungen allein oder besprechen sie mit den Eltern, aber nicht in der Partnerschaft. Wichtig ist aber, dass die Partnerin oder der Partner mit einbezogen wird“, betont er und fügt an: „Sonst kann das sehr kränkend für die Partnerin oder den Partner sein.“ Wird die Entscheidung allein oder zusammen mit den Eltern gefällt, fühlt die Partnerin ausgeschlossen und übernimmt weniger gerne Verantwortung, wenn Probleme auftauchen. „Trifft man dagegen eine solche Entscheidung gemeinsam, hilft die Partnerin in schwierigen Phasen oft lieber bei der Problemlösung“, weiß Kroder aus der Beratungserfahrung.

Veränderungen auf dem Betrieb kosten immer Zeit, die dann für die Paarbeziehung und für die Familie fehlen. Hat man dieses Thema nicht ausreichend im Blick, können sich Paarbeziehungen auch auseinanderleben. Der Familienberater meint: „Mindestens einmal in der Woche sollte ein Paar individuell Zeit miteinander verbringen. Das ist keine Zeit vor dem Fernseher oder Zeit, in der ich über die Arbeit spreche, sondern dann unternehme ich als Paar etwas Schönes zusammen.“

Nur so könne die Nähe entstehen und gepflegt werden, die für eine Partnerschaft wichtig ist. Aus Kroders Erfahrung leiden besonders Frauen darunter, wenn nicht genügend Zeit in die Beziehung investiert wird und Männer nur noch den Betrieb im Kopf haben. Der Familienberater rät dazu, sich vor solchen Veränderungen intensiv mit dem Thema auseinanderzusetzen. Dabei können diese Fragen helfen.

Fragen innerhalb der Familie:

  • Trägt die Partnerin/der Partner den Wachstumsschritt oder die Veränderung mit?
  • Welche Konsequenzen hat dieser Schritt für die Partnerschaft?
  • Welche Konsequenzen hat dieser Schritt für die Familie?
  • Haben wir als Paar trotzdem genug Zeit für unsere Paarbeziehung?
  • Bleibt genug Zeit für die ganze Familie?
  • Was kann durch das Wachstum im schlimmsten Fall passieren? Haben wir einen Plan B?

Das eigene Leben ist mehr als nur der Betrieb

Kroder erlebt in der Beratung auch immer wieder, dass Landwirte mit noch kleinen Kindern über betriebliches Wachstum nachdenken, mit folgender Argumentation: Ich will meinen Kindern einen zukunftsfähigen Hof übergeben. Der Familienberater sieht eine solche Motivation kritisch: „Einerseits wissen die Landwirte doch noch gar nicht, ob die Kinder mal den Hof übernehmen werden und stürzen sich jetzt schon in Schulden. Andererseits erhöhen sie damit auch den Druck auf ihre Kinder, dass die unbedingt Landwirt werden müssen.“ Er empfiehlt, betriebliche Veränderungen – soweit möglich – für sich selbst zu entscheiden und nicht an eine Übernahme von der nächsten Generation zu koppeln.

Zudem hilft es dem Betriebsleiter oder der Betriebsleiterin, sich selbst vor einem solchen Schritt zu reflektieren und die Arbeitsbelastung für sich selbst zu prüfen. „Viele Landwirte haben nur den Betrieb im Kopf, definieren sich vollkommen darüber und stecken all ihre Zeit hinein“, erzählt Kroder. Das kann problematisch werden, wenn auf dem Betrieb etwas nicht so gut läuft: „Wenn ich noch Hobbys habe und einen Freundeskreis, dann habe ich mehrere Bereiche im Leben, die mir guttun.“

Folgende Fragen können vor betrieblichen Veränderungen helfen, sich selbst ehrlich und reflektiert mit dem Thema auseinanderzusetzen.

Fragen an sich selbst:

  • Ist die Vergrößerung sinnvoll oder gibt es andere Möglichkeiten für meinen Betrieb?
  • Passt die Vergrößerung generell zu mir, zum Betrieb?
  • Ist der Wachstumsschritt natürlich oder zu groß?
  • Schaffe ich eine Vergrößerung von meiner Arbeitskraft her?
  • Habe ich die nötige Erfahrung als Betriebsleiter?
  • Werde ich Fremdarbeitskräfte brauchen?
  • Bin ich gut in Personalführung oder mach ich besser alles selbst?
  • Habe ich trotz der zunehmenden Arbeit genügend Zeit, meine Freunde und Hobbys zu pflegen?
  • Bin ich stabil, wenn Probleme auftreten und wie reagiere ich psychisch darauf, wenn Probleme auch länger nicht zu lösen sind?
  • Was kann durch das Wachstum im schlimmsten Fall passieren? Habe ich einen Plan B?

Tipps für gute Gespräche

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Wir haben drei Tipps parat, wie man in der Familie, mit Freunden oder Kollegen wertschätzend miteinander redet.

  1. Aufmerksamkeit schenken: Grundvoraussetzung guter Kommunikation ist es, dem Gesprächspartner die volle Aufmerksamkeit zu schenken. Sind wir während eines Gesprächs mit unseren Gedanken anderswo, fällt dies dem Gesprächspartner auf. Wir versuchen häufig, während der andere spricht, die eigenen Argumente, Ratschläge oder Erlebnisse zu formulieren. Es macht einen Unterschied in der Kommunikation, dem anderen wirklich zuzuhören, ihn ausreden zu lassen, anschließend erst die eigenen Gedanken zu sortieren und zu antworten.
  2. Beobachtung und Bewertung tren­nen: Wertvoll ist, bei unseren eigenen Aussagen zwischen Beobachtung und Bewertung zu trennen. Damit verhindern wir, dass der andere sich angegriffen fühlt. Statt zu sagen „Du unterbrichst mich dauernd!“ wäre besser: „Du hast jetzt zweimal angefangen zu sprechen, während ich mitten im Satz war“. Dazu gehört auch das Verständnis, dass alles, was bei Menschen zu beobachten ist, kein „Sein“, sondern ein „Verhalten“ ist: Jemand, der die Stallgasse nicht kehrt, ist nicht unordentlich, er verhält sich nur nicht so ordentlich, wie wir es erwarten. Wenn wir das ansprechen, kritisieren wir nur sein Verhalten und nicht ihn selbst als Person. 
  3. Sagen, was man möchte: Viel zu oft sagen wir in Diskussionen, was wir nicht möchten, statt genau zu erklären, was wir wollen oder brauchen. Konkret zu sagen, was man möchte, fördert überdies das eigenes Bewusstsein für das, worum es einem wirklich geht. Gleichzeitig erfährt der andere genau, was er tun soll. Je klarer man selbst weißt, was man vom anderen bekommen möchtest, desto wahrscheinlicher ist es, dass die eigenen Bedürfnisse erfüllt werden.

Die Tipps sind entnommen aus „Glücksgriff Bauernhof“ von Christine Wunsch, erhältlich unter wochenblatt-dlv.de/glueck.

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