Gottes Kraft

Geknickt und aufgerichtet

Thumbnail
Kirchenrat Reiner Schübel, München
am Donnerstag, 16.08.2018 - 09:25

Ein geknicktes Rohr ist hingegen ein Bild dafür, wie die Lebenskraft und die Bestimmung, die Gott in uns hineingelegt hat, auch zerbrechen kann.

Ein Rohr ist eine fantastische Form, die die Natur hervorgebracht hat, ein genialer Einfall des Schöpfers. Ob Grashalm, Schilf- oder Bambusrohr, in allen Fällen besteht der Stängel dieser Pflanzen aus einem Rohr, das stabil und belastbar ist. Da mag selbst ein starker Wind kommen; voll im Saft knickt ein Rohr nicht ab. Vielmehr lässt es sich vom Wind hin- und herwiegen und besitzt die Fähigkeit, sich elastisch zu biegen.

Der Vergleich mit dem Rohr macht deutlich, wieviel innere Kraft Gott unserer Seele gegeben hat. Unter normalen Bedingungen sind wir also dafür ausgerüstet, dem Wind und der Bewegung des Lebens standzuhalten.

Ein geknicktes Rohr ist hingegen ein Bild dafür, wie die Lebenskraft und die Bestimmung, die Gott in uns hineingelegt hat, auch zerbrechen kann. Das kommt nicht von selbst, sondern es braucht Macht- und Gewalteinwirkung von außen. Etwa wenn einem jungen Menschen immer wieder eingeredet wird: „Du kannst nichts. Du wirst es sowieso zu nichts bringen. Dein Bruder, deine Schwester und deine Freunde; die bringen es zu was! Aber bei dir frage ich mich, was aus dir überhaupt mal werden soll!“

Auch eine vergiftete Atmosphäre im Betrieb oder im Dorf, in der man sich gegenseitig anschwärzt und fertig macht, kann einen Menschen knicken, ja einen „Knacks“ fürs ganze Leben geben.

Wenn ein Grashalm an einer Stelle abgeknickt ist, setzen am nächst folgenden Gelenk Wachstumsbewegungen ein. Dadurch richtet sich der Halm nach und nach wieder auf. Gott will auch uns immer wieder aufrichten. Er lässt uns hierfür innere Kräfte zukommen.

Zu diesen Kräften zähle ich die Hilfe psychologischer Beratungsstellen von Diakonie und Caritas. Aber auch die Zuversicht, die wir durch das Gebet und durch unseren Glauben schöpfen, kann uns in vielen Situationen wieder aufrichten, wieder regenerieren.

Gott jedenfalls will uns immer neu solch innere Kraft geben. Das stellt uns der Prophet Jesaja auf eindrückliche, bildhafte Weise für diese Woche neu vor Augen: „Das geknickte Rohr wird er nicht zerbrechen, und den glimmenden Docht wird er nicht auslöschen“ (Jes 42, 3).