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Brauchtum

Allerheiligen und Allerseelen: Die Ahnen im Sinn

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Carmen Knorr
Carmen Knorr
am Montag, 31.10.2022 - 15:12

Brauchtumsexpertin Sandra Angermaier erklärt bäuerliche Bräuche rund um Allerheiligen und Allerseelen. Zu ihnen zählt sie auch Halloween – das unsere Vorfahren mit nach Amerika nahmen und im neuen Gewand wieder zurückkam.

Als Sandra Angermaier sechs Jahre alt, begab sie sich das erste Mal auf Schatzsuche auf dem Bauernhof ihrer Familie. Sie fand dabei einen alten Stuhl der sei faszinierte. Schnell fand sie heraus, dass er ein wertvolles Hochzeitsgeschenk ihrer Oma war. Das war der Beginn ihres Interesses für Vergangenes und die Heimatgeschichte.

„Mich hat schon, seitdem ich ein Kind bin, das Warum interessiert“, erzählt die heute 46-Jährige. Sie ist in Breitötting, im Landkreis Erding, auf dem stillgelegten Hof ihrer Familie aufgewachsen. Vor allem ihre Oma spielte bei ihrer Suche nach Antwort eine prägende Rolle. Sie hat Sandra Angermaier viele Geschichten, Sagen und auch Geistergeschichten erzählt und schürt damit die Faszination für Glauben und Aberglauben.

Ein altes Brett mit Sternsymbol

Damit begann es: Dieses alte Schutzbrett weckte einst bei Sandra Angermaier das Interesse für alte Bräuche, auch solche voll Aberglauben.

Das große Hobby der kleinen Sandra war das Suchen nach alten Schätzen auf dem alten Hof. Im Alter von zwölf Jahren fand sie dabei ein altes Brett, wo ein Sternsymbol in einem Kreis eingeschnitzt waren. Aber erst Jahre später lernte sie das Symbol lesen – es war ein Pentagramm.

Heute weiß sie„es handelt sich dabei aber nicht um ein Hexenbrett, sondern um ein Brett der Abwehr.“ So ein Schutzbrett, fand man damals auf vielen Höfen. Es wurde beispielsweise über der Stalltür aufgehängt oder das Symbol wurde direkt am Fußende des Bettes ins Holz geschnitzt. Das Symbol sollte böse Geister abhalten.

Sobald Sandra Angermaier lesen konnte, hat sie sich alte Bücher auf Flohmärkten gekauft, um ihren Wissensdurst über die Geschichte ihrer Vorfahren zu stillen. „Mich interessieren Lebensläufe und ich will mich ernsthaft mit deren Hintergründen auseinandersetzen“, sagt sie auch heute noch und nennt es ihre ganz eigene Feldforschung.

Zur Brauchtumsexpertin entwickelt

Mittlerweile hält sie ihre Forschungsergebnisse fest und nutzt sie für Vorträge, Führungen oder Ausstellungen zur bäuerlichen Kultur, zum Beispiel im Bauernhausmuseum im Erding. Denn was zu Jugendzeiten ein Hobby war, hat sie heute zu ihrem Beruf gemacht. Sie ist Vereinsreferentin des Kreisheimatvereins im Landkreis Erding und seit kurzem auch die dortige Kreisheimatpflegerin, arbeitet im Diözesanmuseum Freising und ist eine geschätzte Brauchtumsexpertin mit den Schwerpunkten Seelenbräuche und Weihnachten.

Ein alter Brauch kehrt zurück nach Bayern

Mit Seelenbräuche meint sie dabei all die Rituale, die in der Zeit um Allerheiligen und Allerseelen durchgeführt werden. Heutzutage treten vor allem bei vielen jungen Menschen die kirchlichen Feiertage und das Gedenken der Ahnen in den Hintergrund. Wenn man über die Zeit Ende Oktober und Anfang November spricht, meint man oft nur noch Halloween.

„Wenn wir Halloween betrachten, dann ist das eigentlich ein alter Brauch, den es auch in Bayern schon seit Jahrhunderten gibt“, erklärt Angermaier. „Jetzt hat der Brauch nur einen neumodernen, amerikanischen Namen“, fügt sie an. Grund für die Verlagerung der deutschen und europäischen Bräuche war eine immense Auswanderungswelle ab dem Jahr 1816 nach Amerika.

Ein Stück Heimat in der neuen, fernen Welt

Alles ordentlich aufgeräumt: Damit wollte man sicherstellen, dass sich die Seelen nirgends verfängt.

Dieses Jahr vor über 200 Jahren ging als „Jahr ohne Sommer“ in die Geschichte ein. Ein Vulkanausbruch im April 1815 in Indonesien war dafür verantwortlich. Es war der wahrscheinlich heftigste Ausbruch in der Geschichte der Menschheit. Die Asche gelang in die Atmosphäre und verbreitete sich über weite Gebiete, so kamen die Sonnenstrahlen nicht mehr richtig zur Erde durch. Es war ungewöhnlich kalt und es gab Schnee und Frost das ganze Jahr über.

Die Abkühlung des Weltklimas hielt noch bis 1819 an. In der Folge gab es katastrophale Missernten. Den Südwesten Europas mit Bayern, den Bodenseeraum, die Schweiz, Frankreich, bis hoch nach Irland, traf es besonders hart. Hungersnöte und Krankheiten wie Typhus und die Pest brachen aus. Das wirkte sich auch auf andere Bereiche aus: „Gerade in schweren Zeiten halten Menschen an ihrem Glauben fest und gleichzeitig entwickelt sich Aberglauben“, erklärt Angermaier.

So war es auch vor 200 Jahren. Es war eine dunkle Zeit, die auch viele Schriftsteller inspirierte. Im Jahr 1816 entstanden unter anderem die Gruselgeschichten „Frankenstein“ von Mary Shelly und „Vampyr“ von John Polidori, das später Bram Stocker zu „Dracula“ inspirierte.

Dem Elend entfliehen

Die Klingen zeigen nach unten: So wollte man verhindern, dass sich die umherirrenden Seelen verletzen.

Die Menschen, die nach Amerika gingen, wollten dem Elend entfliehen. Die Gebiete in Übersee galten als das gelobte Land. Grund und Boden waren reichlich vorhanden und günstig – das weckte Hoffnung. Viel konnten die Europäer nicht auf ihrer Reise mitnehmen. Was sie aber dabei hatten, waren ihre Bräuche: „Durch die vertrauten Rituale hat man auch in der Ferne ein Stück Heimat dabei“, beschreibt Angermaier.

Heute ist man sich nahezu sicher, dass aus den bäuerlichen Seelenbräuchen unserer Vorfahren, Halloween entstand. Auch das Wort leitet sich vom Englischen „all hallows eve“ ab. Es bedeutet „die Nacht vor Allerheiligen“.

Doch was waren das für Bräuche? Man glaubte, dass in der Nacht vor Allerseelen das Tor zur Anderswelt offen war. Die armen Seelen, die sich im Fegefeuer befinden, können auf die Erde zurückkehren und sich von ihrer Pein erholen. Mit verschiedenen Taten versuchten die Lebenden diese Pein zu mildern und wollten ihnen helfen endlich in den Himmel zu kommen.

Ein Stück Brot und ein Schluck Bier zur Stärkung

Beten: Im Stillen denkt man dabei an die armen Seelen.

„Fegefeuer meint nicht die ewige Höllenverdammnis“, erklärt Sandra Angermaier. Es sei vielmehr ein Zwischenort zur Läuterung der Seele, die dabei gereinigt werden soll. Dem christlichen Glaubensverständnis nach dürfe die Seele nur völlig rein Gott begegnen.

Das Fegefeuer stellte man sich dabei nicht durchweg als heiße Feuerszungen vor, sondern auch als bitterkaltes Eis, in dem die Seelen gefangen sind. So hat man in der Allerseelennacht auch extra noch einmal das Feuer im Ofen geschürt, bevor man ins Bett gegangen ist. Wenn die armen Seelen auf ihrer Reise in den Himmel noch einmal heimkehrten, sollten sie sich daran wärmen können.

Damit die Seelen sich auch stärken konnten, lies man ihnen ein Stück Brot auf dem Teller und einen Schluck Bier im Krug. Dieses sogenannte „Seelenbrot“ ließ man direkt auf dem Esstisch in der warmen Stube stehen. Vor dem zu Bett gehen hielt man inne und betete gemeinsam.

Auch schon tagsüber bereitete man die Ankunft der Seelen vor: Im Stall dreht man alle Heugabeln um und lehnte die Spitzen gegen die Wand. So glaubte man, würden die umherirrenden Seelen nicht hängen blieben oder sich verletzen. Aus dem gleichen Grund sicherte man jegliche spitzen und scharfen Gegenstände im Haus und drehte auch die Klingen der Messer nach unten. Auch Schuhe und alle umherliegenden Gegenstände richtete man in eine Richtung aus.

Das bayerische Vorbild für Halloween

Damit die Seele, die einmal in Haus und Hof gelebt hatte, auch den richtigen Hof findet, beleuchtete man den Hauseingang mit einem Licht. Wetterfeste Öllampen gab es lange nicht auf den einfachen Höfen. Man nutzte stattdessen Rindertalg-Kerzen, die aber schon bei leichtem Wind ausgingen. Damit sie aber die ganze Nacht hell strahlten, nahm man eine Futterrübeoder Zuckerrübe und höhlte sie aus. Damit sie nicht nur den armen Seelen den Weg weist, sondern auch gleichzeitig böse Geister abwehrt, hat man in die Rübe ein Fratzengesicht geschnitzt. Dieses Ritual gilt als Vorläufer der heutigen Halloween-Kürbisse.

Fremden Menschen das Leben versüßen

Um die armen Seelen aus dem Fegefeuer zu erlösen, reichte das Beten allein aber nicht aus. Man glaubte, indem man selbst etwas Gutes tut, kann die gepeinigte Seele des verstorbenen Angehörigen erlöst werden. „Man wollte so vielen Menschen wie möglich eine Freude bereiten“, berichtet Angermaier. Eine Möglichkeit für eine gute Tat war es, anderen Menschen ein süßes Gebäck zu schenken. Denn etwas Süßes verband man mit Lebensfreude. Ein Beispiel für traditionelles Süßgebäck waren „Seelenzipferl“. Aus einem einfachen, süßen Hefeteig und Rosinen flocht man kleine Zöpfe und backte sie.

Eine nächste Parallele zum heutigen Halloween wirdauch hier deutlich sichtbar, allerdings mit dem Unterschied, wie die Brauchtumsexpertin erklärt: „Damals verschenkten die Menschen Süßigkeiten freiwillig, heute ziehen Kinder von Haus zu Haus, um diese zu erbitten.“ Dabei müsse man aber auch beachten: „Brauchtum ist immer im Wandel. Wenn keine jungen, neuen Bräuche mehr entstehen würden, gäbe es gar keine Bräuche mehr“, sagt Sandra Angermaier.

Deswegen ist sie eigentlich ganz froh, dass es Halloween heute überhaupt gibt. „Auch wenn es oft verschimpft wird, als neumoderner Schmarrn“, bemängelt sie. Doch Halloween gebe wenigstens den Anlass, Rituale wieder so richtig zu leben. „Brauchtum ist eigentlich kein Event, Brauchtum wird im Kleinen gelebt, etwa in der Dorfgemeinschaft oder innerhalb der Familie“, sagt die Brauchtumsexpertin.

Denn eine Gesellschaft, die Bräuche lebt, könne wieder mehr Gemeinschaft erfahren. „Brauchtum stärkt das gemeinsame positive Erleben über alle Altersgruppen hinweg und schweißt zusammen“, appelliert Angermaier, Bräuche nicht vergessen zu lassen. Carmen Knorr