Familienporträt

Familie Koller: Das Gute ist so nah

Die Familie geht draußen an ihrem Haus vorbei.
Christine Schmid
am Sonntag, 10.01.2021 - 07:50

Holz, Sport, Landwirtschaft: Das Leben und die Arbeit der Familie Koller auf dem Koppenhof in Lam in der Oberpfalz.

Eigentlich mögen sie es nicht, wenn sie im Mittelpunkt stehen. Sie machen doch eigentlich nur ihr Ding. Ihr Ding – das sind eine naturnahe, nachhaltige Forstwirtschaft, ein Biomilchbetrieb, das Leben am und von ihrem Bauernhof, die Natur und Landschaft in der Lam, der Sport und ihre Familie. Ihr Ding ist sozusagen „Einfach gut leben!“

Sieben Familienmitglieder, plus Hund und Kater

Sechs Familienmitglieder sitzen um den Küchentisch herum.

Zur Familie Koller, die hoch über Lam im Landkreis Cham im Bayerischen Wald lebt, wohnt und arbeitet, gehören drei Generationen: Oma Maria mit 103 Jahren, ihr Sohn Wolfgang, seine Frau Johanna, ihre drei Kinder Wolfgang, Maria und Steffi, Wolfgangs Freundin Julia, Hund Xaver und Kater Hansi. Mit freiem Blick ins Tal und auf den Osser steht der alte Koppenhof und daneben das massive Holzhaus, das Wolfgang und Johanna vor 15 Jahren für ihre Familie gebaut haben, am sonnigsten Platz der gesamten Hofstelle.

Sie sind eine Familie in Bewegung, eine Familie voller Ideen, Projekte, Überzeugungskraft und Leidenschaft und dennoch, oder vielleicht gerade deshalb, die Ruhe weg zu haben scheint. Für Interview und Foto haben sie sich in der Küche versammelt. Sie hören sich zu, beantworten Fragen, es wird gelacht. Wolfgang junior verabschiedet sich, er hat einen Termin: „Die anderen reden für mich.“ In der Familie Koller ist man sich einig.

"Luxus-Heim" am Osser

Tief verwurzelt ist die Familie mit dem Koppenhof in ruhiger Einzellage. Sie habe sich hier sofort wohl gefühlt, erinnert sich die Bad Kötztingerin Julia, und sei schon bald zu ihrem Freund auf den Hof gezogen. Gerade in diesen Zeiten der Pandemie werde ihr immer wieder bewusst, welchen Luxus sie an diesem Ort hätten, sagt Maria. Die Grund- und Realschullehrerin arbeitet in Oberbayern, verbringt aber möglichst viel Zeit daheim. Dann nimmt sie den Osser, ihren Hausberg, gern im Laufschritt.

Maria ist Trailrunnerin, seit 2016 im Kader der deutschen Nationalmannschaft Berglauf. Im In- und Ausland hat sie etliche Rennen als Schnellste für sich entschieden. 2019 hat sie als erste Deutsche auf der Insel Madeira das „Ultra Skyrunning Madeira Skyrace“ gewonnen. Daheim zu rennen, wird ihr dennoch nie fade. „Wenn ich no hundertmal auf den Osser renn’, g’fallt’s mir no hundertmal.“

Jeder hat seine Stärken, alle packen an

7 Personen der Familie stehen auf einer Wiese. Dahinter sieht man Berge und ein Dorf im Tal.

Rund 130 Hektar Plenterwald und 30 Hektar Grünland bewirtschaften vor allem Vater und Sohn gemeinsam. Wolfgang jun. ist Forstwirtschaftsmeister und gibt überregional Motorsägenkurse. Jedes Familienmitglied hat andere Arbeitsschwerpunkte; alle packen da an, wo es nötig ist. Am Naturlandhof werden rund 20 Milchkühe mit eigener Nachzucht gehalten. Die Milch liefern die Kollers an Goldsteig. Ein wenig Fleisch wird ab Hof direktvermarktet, was ausbaufähig sei, sagen sie.

Steffi leitet mittlerweile die Skischule samt Skiladerl in Lam. Die hat Wolfgang sen. – einst wie Tochter Steffi ein Ass im Skirennsport – in den 1980er Jahren gegründet, bevor er den landwirtschaftlichen Betrieb übernahm. Im Sommer arbeitet Steffi als angestellte Physiotherapeutin – praktisch bei lauter Sportskanonen. Was für die anderen der Bergsport war und ist für Wolfgang jun. der Fußball. Nur Johanna kann ganz gut ohne Sport „Ich bin der Bremsklotz.“ Wolfgang grinst: „Naja, vielleicht eher die Vernünftigere.“

Lebensmittel werden selbst erzeugt oder Bio gekauft

„Man kann nicht selbst einen Biobetrieb führen und dann zum Aldi rennen, um billig einzukaufen.“ - Johanna Koller

Hof und Wald liefern der Familie Holz, Milch, Rindfleisch, Wild aus der Eigenjagd, Fisch und Enten. Im Garten wachsen Obst, Gemüse und Kräuter, die Johanna verarbeitet. Eine Quelle versorgt den Hof mit Wasser, Jungimkerin Julia steuert Honig bei. Ansonsten kaufen sie vor allem Bioprodukte. „Wir geben viel Geld für Lebensmittel aus“, sagt Johanna. „Man kann nicht selbst einen Biobetrieb führen und dann zum Aldi rennen, um billig einzukaufen.“

Dank des Chamer Biomobils, das alle 14 Tage vorbeikommt, klappe die Versorgung auch mit regionalen Bioprodukten gut. Schließlich sei es keine Alternative, zum Bioladen 70 Kilometer nach Cham und zurück zu fahren. Aufgetischt wird, was die Region und die Saison bieten. „Die Oma hat schon so gekocht: Frisch und viel selbst gemacht, mit dem, was grad da ist.“ Die Kollers denken Dinge und ihre Konsequenzen zu Ende. Sie leisten sich ihren eigenen Weg und wenden Zeit und Geld dafür auf. Beispielsweise wenn Johanna zum Einkochen ihrer Marmeladen Biozucker kauft.

Eigenes Heizkraftwerk

Eine Hackschnitzel-Zentralheizung versorgt den gesamten Hof. Eine Photovoltaikanlage mit Batteriespeicher ist so ausgelegt, dass nur dann ins öffentliche Netz eingespeist wird, wenn die Batterien voll sind. „Der Schwerpunkt ist, unseren Strom selber zu verbrauchen“, erklärt Wolfgang Koller.

Seit Generationen betreibt Wolfgangs Familie naturnahe, nachhaltige Forstwirtschaft. „Wir mussten uns da nicht umstellen“, sagt der überzeugte Waldbauer. Eher standhalten gegen gewisse Trends, wie den der angeblich wirtschaftlicheren Fichtenmonokultur. „Man soll nicht alle modernen Erscheinungen mitmachen“, ergänzt Johanna. „Sonst gäbe es unseren Wald so nämlich nicht mehr.“ Auch bei ihnen wächst die Fichte, aber als eine von vielen Baumarten.

Seit 40 Jahren ist Wolfgang Vorsitzender der Waldbauernvereinigung Lamer Winkel. Ebenso lange argumentiert er dafür, dass die Waldbesitzer in dieser Region mit 75 Prozent Waldanteil Vertrauen in ihren Rohstoff zeigen. Um die Idee von der Osserwärme Lamer Winkel, einem Hackschnitzelwerk ganz in Bauernhand, umzusetzen, musste er dicke Bretter bohren. Politik und Energiekonzerne blockierten das Projekt.

Doch seit 2009 ist es in Betrieb, heizt Osserbad, Turnhalle, einen benachbarten Bauernhof und bald wohl die zu sanierende Schule. Seither hat das Heizkraftwerk, dessen Geschäftsführer Wolfgang Koller ist, rund 2,5 Millionen Liter Heizöl ersetzt, liefert mit der Photovoltaik-Anlage Strom ins Netz und seinen 57 Gesellschaftern eine attraktive Verzinsung.

Häuser aus Holz gebaut

Weil Holz mehr für ihn ist als ein Brennstoff, setzte er 2005 mit dem Hausbau aus wintergefälltem Mondphasen-Tannenholz ein Zeichen. Er ist ein Fan der Tanne mit ihrer hellen, ruhigen Maserung. Die Tannen ebenso wie Ulme, Buche, Fichte und Ahorn für die Möbel stammten aus dem eigenen Wald. Handwerker zu finden, die mit seinem Holz arbeiten, kostet dagegen Mühe und oft weite Wege. Aber für den Waldbauern kommt nichts anderes infrage. An den streichelglatten, unbehandelten Holzwänden sind alle Balken sichtbar. Auffallend ist das Wohnklima. Noch nie sei nach dem Duschen oder Kochen ein Fenster beschlagen, stellt Johanna fest. „Da schimmelt nix.“

Die geballte Holzhauserfahrung der Familie fließt derzeit in die beiden Chalets, die gerade im Lamer Ortsteil Himmelreich entstehen, neben dem Hof, von dem Johanna stammt. Eines wurde aus Tanne im Liegendblock gebaut, eines im Stehendblock aus Fichte, außen tannenverkleidet. „Die Fichte, das ist reines Käferholz“, sagt Wolfgang. Das sieht man den quasi makellosen Balken nicht an. „Man muss sie halt früh genug fällen.“ Wieder eine kreative Lösung, mit den Gegebenheiten wie dem hohen Käferdruck konstruktiv umzugehen.

Die beiden Ferienhäuser sind baubiologisch und energetisch bis in kleinste Detail ausgetüftelt. Und sie sind in ihrer Schlichtheit wunderschön. Die Kollers haben sich den Blick für das Schöne in ihrer Heimat bewahrt.

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